Exoten: Arbeiterkinder bei den Grünen
Vor kurzem habe ich mich angemeldet als Mentor bei Arbeiterkind.de . Das ist ein Netzwerk von Menschen, die aus Arbeiterfamilien stammen und ihrerseits junge Menschen aus Arbeiterfamilien fördern wollen. Da mache ich doch gerne mit. Gefunden habe ich dort auch einige Grüne, z.B. den Bundestagsabgeordneten Kai Gehring oder den Schatzmeister der Berliner Grünen, Marc Urbatsch. Ansonsten ist man mit so einer Biografie insbesondere unter jüngeren Grünen recht alleine. Cem macht daraus eine Tugend und schreibt in der Süddeutschen Geschichten aus seiner Kindheit. Dazu gehören die Besonderheiten der Schichtarbeit. Meinen Geschwistern und mir hat es übrigens besser gefallen, wenn die Eltern Spätschicht hatten. Die abendlichen Freiheiten waren einfach unschlagbar.
Als ich dann politisch aktiv bei den Grünen wurde, gab das natürlich viele Diskussionen. Da merkte ich: Hier prallen zwei Welten aufeinander. Grünes Bildungsbürgertum gegen die Betriebsräte. In der heutigen taz gibt es einen interessanten Artikel dazu und erklärt, warum sich Grüne und Anhänger der Linkspartei oftmals aneinander fremd sind. Sie bilden einfach zwei grundverschiedene soziale Milieus, hinter denen auch verschiedene Wertesysteme liegen. Ein Gewerkschaftsfest, über das der Duft von Bratwurst weht ist so ziemlich das Gegenmodell zur veganen Ökofalafel beim Grünen Fest. In diesem Umstand sehe ich auch den Grund, warum so wenig Arbeiter die Grünen wählen, wenngleich ich überzeugt bin, dass wir mit unseren politischen Inhalten – Progressivmodell, Bürgerversicherung, um nur wenige zu nennen – durchaus überzeugen könnten. Doch das gelingt nur, wenn wir uns die Zeit nehmen, in einem intensiven direkten Diskurs mit diesen Menschen zu gehen. Immerhin: Meine Mutter, engagierte IG Metallerin, ist vor einiger Zeit den Grünen beigetreten, eine Kollegin mittlerweile auch. Da geht aber definitiv noch mehr!









Ich bin immerhin Arbeiterenkel, wenn auch Akademikerkind (FH und PH).
Das Ansinnen meines Artikels war nicht, dass man sich rechtfertigen muss, wenn man kein Arbeiterkind ist – das wäre ja Gaga. Vielmehr ging es mir darum aufzuzeigen, dass es sich hier um verschiedene soziale Milieus handelt und als Grüner hier anzukommen, extrem schwierig ist.
Dass ich zu den Exoten gehöre, war mir gar nicht so richtig bewusst…
Aber das ist in der Tat eine spannende Debatte!
Schon klar, hatte auch nicht das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Mein Schmunzeln beim Schreiben des Kommentars kam wohl nicht so recht rüber.
Aber auch wenn der Kommentar oben nicht so ganz ernst gemeint war: Erstens bin ich auch etwas stolz darauf, dass mein Vater es als eines von zehn Kindern einer Arbeiterfamilie zum Akademiker geschafft hat und zweitens kenne ich die Perspektive eines Arbeiterkindes aus vielen innerfamiliären Diskussionen über Politik.
Vielleicht lässt sich das, was du hier beschreibst, auch als Differenz zwischen den Neuen Sozialen Bewegungen und den Alten Sozialen Bewegungen benennen. Die “Alte Soziale Bewegung” war fixiert auf den Klassenkampf, hat aber sehr viele Perspektiven ausgeblendet, z.B. dass das Private auch politisch ist. Ab Ende der 1970er Jahre, als die Bioläden entstanden, die Anti-AKW-Bewegung, die Frauen-, Schwulen- und Lesbenbewegung und die GRÜNEN als deren Sprachrohr, wurde Diskriminierungen und ökologische Fragen auf die Tagesordnung gestellt. Allerdings wurde ausgeblendet, dass es Klassenunterschiede gibt. So ist zu erklären, dass es in vielen Studierendenvertretungen und anderen Institutionen Frauenreferate, Schwulenreferate, Behindertenreferate, Ausländerreferate gibt oder entsprechende Antidiskriminierungsbüros, aber nirgends auch nur ein einziges “Arbeiterkinderreferat”.
Mit der seit Jahren sich öffnenden Schere beim Vermögen und den Bildungszugängen, entstehen nun erstmals Gruppierungen wie Arbeiterkind.de oder unser Referat für Arbeiterkinder in Münster.
arbeiterenkel. auch süß =)
Lieber Daniel Mouratidis, ich kann die Erfahrung, dass die Grünen ein nahezu geschlossenen bürgerliches Milieu darstellen, nur bestätigen. Zwischen den Milieus herrschen Sprachlosigkeit und Missverständisse und noch nicht alle sozialpsychologischen Vorgänge sind erforscht. Um ehrlich zu sein empfinde ich – und ich meine das gar nicht polemisch – die Grünen als Partei der “Herschenden” und der einflussreichen Schichten. Ein Jugendlicher aus einem “sozialen Brennpunkt” würde nie anschluss an die “Grüne Jugend” usw. bekommen. Ganz wenige Ausnahmen können sich in der Partei vielleicht durchboxen. Ich sage es offen, mich macht das traurig, das eine Partei von interkultureller Gesellschaft spricht, aber in der eigenen Praxis einen blinden Fleck hat. Immerhin sind mit Parteiposten auch Einflussmöglichkeiten und Lebenschancen zu vergeben, die eben nur einem sehr begrenzten höherem Milieu zur Verfügung stehen. Zu Arbeiterkind.de gibt es jetzt übrigens eine sehr sinnvolle politische Erweiterung, nämlich das Magazin “Dishwasher”, welches Andreas Kemper ins Leben gerufen hat – mein Kollege, dessen Beitrag ich hier nur zufällig entdeckt habe. Auch von mir finden Sie dort einen Artikel. Zu Ihrem Beitrag zu den Grünen herzlichen Glückwunsch, diese spezielle Problem wird so selten thematisiert.
Vielen Dank für diese wirklich guten Kommentare. Ich habe selber erlebt wie schwierig es mituntet ist, den bürgerlichen Kodex der Grünen – völlig egal, ob Linke oder Realos – zu entsprechen, wenn man nicht aus selbiger Bügerlichkeit entspringt.
Um von der soziologischen wieder auf die politische Ebene zu kommen: Ich frage mich, welche Auswirkungen das z.B. auf die Sozialpolitik der Grünen hat. Hier machen ausgewiesene Postmaterialisten Sozialpolitik für eine ausgesprochen materialistisch orientierte soziale Schicht. Kann das gut gehen? Manche Grünen meinen, man müsse “eben noch sozial gerechtere Politik” machen, dann würden diese Menschen auch Grün wählen. Diesen Gedanken widerspreche ich sehr heftig. Was übrigens nicht bedeutet, dass die Grünen aufhören sollten, sich für soziale Gerechtigkeit einzusetzen. Nur wird man damit eben in erster Linie Menschen aus der Mittelschicht und darüber erreichen, für welche dieser Wert wichtig ist, und nicht die unteren sozialen Schichten.
Ich glaube nicht, dass ein Mensch aus dem Arbeiter-Umfeld sich für die Falafel-Ideologie jemals begeistern lässt. Sie haben andere Sorgen. Das ist nur was für die wohlhabendere Mittelschicht.
@Kata
Der Artikel von Daniel ist doch gerade ein Beispiel dafür, dass das so absolut gesagt nicht stimmt.
Nun ja, postmaterialistische Bedürfnisse, lieber Mouratidis entstehen erst, wenn die materiellen Bedürfnisse befriedigt sind. Im Bio Supermarkt einkaufen kann man erst, wenn man wirklich viel Geld hat. Auch kulturelle Bedürfnisse (die durchaus viel Geld kosten), entstehen erst, wenn die materiellen Bedürfnisse befriedigt sind. Und das sind sie ja bei den postmaterialistischen Schichten. Durch anhaltende Umverteilungs- und Bildungsprozesse (ist im einzelnen sehr kompliziert, klar) werden auch arbeiterliche Schichten postmaterielle Bedürfnisse stärker entwickeln. Noch ein Wort zur Landtagswahl NRW. Ich bin für schwarz-grüne als Regierungskoalition -dann kann sich eine soziale Opposition – auch außerhalb des Landtags formieren und die Grünen haben ihre klare bürgerliche Rolle
Och, hier hat ja lange niemand mehr was geschrieben. Ich finde diese Seite einfach super. Mittlerweile ist die Landtagswahl schon lange vorbei und wir haben rot-grün. Die Wahlprognosen der Grünen schnellen in ungeahnte Höhen. Jetzt, wo die Grünen fast schon Volkspartei sind, sollten sie sich nicht da mit den verschiedenen sozialen Milieus und deren Zugang zur Politik beschäftigen? Könnte man da keine Kommission bilden? Ich selbst habe übrigens eine biographische Erfahrung mit den Grünen aufzuweisen, die nach meiner Interpretation etwas mit unterschiedlichen sozialen Erfahrungen zu tun hat und über eine Entschuldigung würde ich mich nach wie vor sehr freuen.
@Tobias: Ich beschäftige mich ja mit diesem Thema und würde mich freuen, wenn es andere in meiner Partei auch machen würden. So ganz verstehe ich aber nicht, wofür ich mich entschuldigen sollte. Vielleicht können sie mir da nochmal auf die Sprünge helfen.
Lieber Daniel,
ich meinte ja nicht Sie persönlich, hinsichtlich meiner Erfahrungen mit den Grünen. Sie wirken ja auch geographisch in einer ganz anderen Region. Es ist nur so, dass ich in der Partei, in einem Kreisverband einmal so einen “Konflikt zwischen verschiedenen Sozialen Milieus” erlebt habe, wobei damals diese Dimension des Konfliktes nicht reflektiert wurde. Ihnen viel Erfolg für Ihre politische Arbeit!