Jugendkriminalität: Boot Camp, nein danke!
Im letzten Beitrag habe ich bereits geschrieben, dass in den USA weitaus mehr Menschen im Gefängnis sitzen als in den anderen westlichen Ländern. Bei zwei Besuchen vertieften wir das Thema Jugendkriminalität. Zuerst ging es ins Justizministerium. Dort empfing uns Donni LeBoeuf, sie ist dort verantwortlich für präventive Programme. In den USA sind die Bundesstaaten verantwortlich für das Jugendstrafrecht. Die nationale Ebene arbeitet aber Programme aus, die in einzelnen Orten in Modellprojekten umgesetzt werden.
Das reine Wegsperren von jungen Menschen hat mehrere Nachteile: Erstens ist jeder Knastplatz teuer für den Staat; zweitens liegt die Rückfallqoute bei rund 70 %. Drittens ist damit der Gesellschaft nicht wirklich weitergeholfen. Deswegen kam man auf die Idee, mehr Geld in die Prävention zu stecken, beispielsweise in Angebote nach Schulschluss. Das ist bisweilen gar nicht so trivial wie es scheint. Um die Angebote nutzen zu können, muss man mitunter einen Busservice einrichten, damit die Jugendlichen nicht durch bestimmte Gang Gebiete durchlaufen müssen. Für eine bessere Koordination haben die Verantwortlichen lokale Runden gebildet, damit die Rädchen ineinander laufen. Zu diesem Konzept gehört auch, bei einem ersten Konflikt mit dem Gesetz an verschiedenen Stellen anzusetzen. Dazu zählen einerseits Arbeitsstunden, andererseits werden auch die Eltern in die Sozialprogramme mit einbezogen. Denn meistens stecken nicht nur die Jugendlichen, sondern auch das familiäre Umfeld in Problemen. Dabei sind die Eltern oftmals wenig einsichtig. In Florida gab es schon Fälle, dass Eltern für ein paar Tage ins Gefängnis verknackt wurden, weil sie ihre Kinder nicht zur Schule schickten. Eine besondere Idee war es, diesen Jugendlichen anzubieten ihre Arbeitsstunden als Jugendschöffen abzuleisten. Das klingt auf den ersten Blick paradox, doch scheint es zu funktionieren. Für all das braucht man Geld. Bislang konnte dieses Projekt in gerade einmal vier Städten der USA durchgeführt werden. Allerdings: Alle Städte, die mitgemacht haben, setzen es fort – und finden sogar Nachahmer. Bis diese Töne im Rest der USA angekommen sind, wird es trotzdem noch eine Weile dauern.
Abschließend fragte ich Donni Leboeuf nach den “Boot-Camps”, die einige konservative Politiker als eine tolle Idee angesehen haben in der jüngsten deutschen Debatte. “Die bringen nichts, deswegen finanzieren wir die nicht”. Ohnehin seien die nur Randprogrogramme. Niederschmetternder hätte diese Antwort für deutsche Hardliner nicht sein können. Die Idee eines “Hauses des Jugendrechts”, wie es eines in Stuttgart gibt, fand sie dagegen richtig interessant und iwr plauderten noch ein bisschen darüber.
Dann besuchten wir noch den Time Dollar Youth Court. Kurz gesagt: Jugendliche richten über Jugendliche, die jugendtypische kleine Taten verübt haben, wie Haschischkonsum oder leichte Körperverletzungen und Kaufhausdiebstahl. Meistens leitet die örtliche Polizei diese Fälle zur eigenen Entlastung weiter, aber auch Staatsanwälte und Gerichte können dass tun. Zusammen mit den Eltern der Ersttäter wird dann eine Strafe ausgehandelt – und am Ende der Zeit können diese Jugendlichen selber wiederum richten. Bis zu 60 – 70% aller Fälle landen in Washington DC vor diesem Jugendgericht, und nur 17% der Jugendlichen werden rückfällig, im Vergleich zu 30% im Schnitt der anderen Programmen.
Vielleicht wäre es auch bei uns an der Zeit, Jugendlichen diese Möglichkeit einzuräumen? Schließlich ist es eine Binsenweisheit, dass durch echte Partizipation junge Menschen bewusst mit Verantwortung umgehen können. Weitere Informationen findet man übrigens unter www.ojjdp.gov, www.youthcourt.net, und über das letztgenannte Projekt hier.









Misch dich mit einem Kommentar in die Diskussion ein!