9. Dezember 2008

Krawalle in Griechenland – warum?

8 Kommentare

Die heftigen Krawalle in vielen Städten Griechenlands haben viele überrascht. Auch aus diesem Grund haben sich viele bei mir gemeldet, um mehr zu erfahren über die Gründe. Voilà:
Also, was ist passiert? Ein 15jähriger Jugendlicher ist nach einer Auseinandersetzung mit der Polizei im Stadtteil Exarchia gestorben. Getroffen von einer Kugel aus dem Lauf der Pistole eines Polizisten – ob absichtlich oder nicht, ist bisher nicht geklärt. Seitdem toben in fast allen griechischen Städten schwere Unruhen.
Exarchia ist das Kreuzberg 36 Athens. Ein sympathischer Stadtteil mit vielen netten Kneipen und Tavernen. Das letzte Mal war ich diesen März dort. Es ist auch die Hochburg der extremen Linken.
Die Jugendlichen in Griechenland fühlen sich seit Jahren benachteiligt. Die Schulen und Universitäten sind schlecht ausgestattet, jedes Jahr gibt es deswegen Demonstrationen, ohne dass sich substantiell etwas ändert. Schlimmer noch: Viele finden keine Arbeit – dabei träumen die meisten von einer Karriere im Staatsdienst. Diese Jobs sind jedoch von den Älteren besetzt, und da die Jobs beim Staat oftmals nach der Qualität der Beziehungen denn der persönlichen Eignung vergeben werden, ist diese Tür für viele versperrt. Zudem arbeiten bei den Staatsbetrieben ohnehin viel mehr Menschen als es Arbeit gibt – sie sind immer noch Versorgungsämter für Freunde und Verwandte der Regierungsparteien. Allerdings gibt es auch viele junge Menschen, die manche Jobs nicht mehr haben wollen. Es gibt aber seit jeher einen harten Kern Autonomer, die auch vor Gewalt nicht zurückschrecken. Dazu kommen auch andere eher unpolitische junge Menschen. Als ich vor vier Jahren ein Spiel von PAOK Saloniki besuchte, gab es dort nicht einen Fan der gegnerischen Mannschaft. Die kamen nicht, weil sie Angst vor den PAOK Fans hatten.
Die Polizei hat einen schlechten Ruf. Ihr hängt immer noch die Juntazeit bis 1974 hinterher, und in den letzten Jahren gab es viele Berichte über die schlechte Behandlung von Migranten ohne Papiere. Allerdings ist die Polizei auch schlecht ausgebildet. Und es gab ein Zögern, bei den ersten Krawallen entschieden zu agieren – man wollte nicht dem schlechten Ansehen neue Nahrung geben.
In der griechischen Gesellschaft haben viele nicht profitiert vom Aufschwung der letzten Jahre. Viele sind verbittert über die Unfähigkeit der Politiker und Wirtschaftskapitäne, mit Korruption und Vetternwirtschaft aufzuräumen. Sogar die griechisch-orthodoxe Kirche hat einige Skandale hinter sich. Darüber hinaus funktioniert die Selbstbedienungsmentalität der Griechen angesichts leerer Sozialkassen nicht mehr. Es ist also auch eine gesellschaftliche Krise, die die jungen Menschen als Verlierer da stehen lässt.
Die Randalierer in den Städten sind aber nur zum Teil politisch; ähnlich des 1.Mai in Berlin mischen sich viele Erlebnisrandalierer darunter. Die Zerstörung vieler Geschäfte jedenfalls trifft gerade die kleinen Händler und Ladeninhaber schwer. Sie stehen vor dem persönlichen Ruin. Und rund ein Drittel der Griechen sind Selbständige.

Fazit: Die Gründe sind – wie so oft – vielschichtiger, als man oft denkt. Die alte gesellschaftliche Selbstbedienungsmentalität funktioniert nicht mehr. Die Kassen sind leer. Die politischen und wirtschaftlichen Eliten sind desavouiert. Die Jungen erleben sich als Verlierer in diesem Spiel. Der Tod des Jugendlichen war nur der Auslöser für diese Gewaltexzesse. In Griechenland gibt es einiges mehr aufzuräumen, als kaputte Schaufensterscheiben.



8 Kommentare »

  • Airport1 meint:

    diesmal bin ich positiv ueberrascht. hatte mich eben gefragt warum bei dir dazu im blog nichts zu lesen ist – jetzt ist es aber ;)

  • Daniel Mouratidis
    Daniel Mouratidis meint:

    Ich habe noch einen Blog eines Erasmusstudenten gefunden, der im Zentrum von Athen wohnt: http://imschattenderakropolis.wordpress.com/

  • Airport1 meint:

    Hab einen Ferienwohnung-Komplett-Gutschein fuer Kreta fuer zwei Wochen. Aber wenn man das hier so liest und ansieht: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,595641,00.html
    verschiebt man das wohl erst mal..

  • Daniel Mouratidis
    Daniel Mouratidis meint:

    Ich würde mir da weniger Sorgen machen. Mein Onkel wohnt beispielsweise in einem Innenstadtbezirk von Athen, und dort ist alles ruhig. Sonst kannst du den Gutschein ja auch mir schenken ;-)

  • Markos meint:

    Demokratie ist eine griechische Erfindung. Ein Großprojekt,welches sich seit der Antike zum größten Teil weltweit durchgesetzt hat. Das eine Demokratie manchmal auch revolutionäre Züge annehmen kann,liegt in der Natur des Menschen und der Meinungen. Auch in anderen westlichen Metropolen ´brennen´ Ab und Zu die Barrikaden (Paris , Genua, etc.) In anderen Ländern passiert diesbezüglich kaum etwas,stattdessen werden die Misstände hingenommen,was zu einer darwinistischen Ellenbogengesellschaft führt,mit Korruption,Kriminalität und Emigration (siehe Osteuropa). Oder es wird,wie Hierzulande,am Stammtisch protestiert oder ganz kühn mit Einheitskleidung,Trillerpfeife,festgelegter Route und festgelegten Zeiten demonstriert , siehe in Bochum (NOKIA), was dann sowieso zu nichts führt. Es geht zwar nichts kaputt,aber es ändert sich auch nichts. Demokratie sollte nicht ins Extreme ausarten,während es wiedermal, wie auch in Griechenland, vielleicht 20,30 interlektuelle ´Sprecher´gibt und das hundertfache an ´Freizeitcheguevaristen´.
    Wie auch schon in der Antike ist scheinbar Athen wiedermal Dreh-und Wendepunkt der Zivilisationen,aufgrund aktiver Sympathisanten.

  • Her mit der hellenischen Öko-Revolution! « GREEN RENAISSANCE meint:

    [...] Ausschreitungen in fast allen Städten viele Berichte über Griechenland in den deutschen Medien. Neben der offensichtlichen moralischen Krise der wirtschaftlichen, politischen und kirchlichen Elite… steckt Griechenland aber auch in einer ökologischen Krise. Dabei könnte Griechenland durch eine [...]

  • David meint:

    Ich bin völlig dagegen, das alles ist unannehmbar!

  • Rui meint:

    David das ist vielleicht jetzt leicht gesagt, aber es ist dennoch nicht so einfach. Denn auch wenn wir hier dagegen sind, dann können wir uns nicht in die Lage derer versetzen, die dort sind und mit dieser Situation leben müssen. Ich glaube, dass auch wenn es viele Fehler gibt und vieles besser gemacht werden könnte, es trotzdem eine gewisse Stabilität gibt, die man nicht vernachlässigen darf. Denn es ist ein großer Schritt solche Dinge zu ändern. Das muss man langsam angehen und dann ist es auch machbar.

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