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Startseite » Zur Person » 2001: Mein skurrilster Unikurs
Essenstabus
Universität Konstanz
Fachbereich Geschichte und Soziologie
Hauptseminar: "Gesellschaft kulinarisch", SS2001
Dozentin: Dr. M. Kritzmöller
Referent: Iordanis Mouratidis
Warum essen Juden und Moslems kein Schweinefleisch? Warum krümmt es uns den Magen bei dem Gedanken, frittierte Wanzen zu essen? Wie kommen die Inder zu den Heiligen Kühen? Warum essen Menschen, ein Allesfresser, in den verschiedenen Teilen der Welt so unterschiedliche Sachen? Was steckt hinter religiösen Vorgaben, Mythen und Gewohnheiten?
1. Insekten
1.1. Abneigung gegenüber Insekten
Insekten sind in den westlichen Staaten als Nahrung verpönt. Obwohl eng verwandt mit Krebsen und anderen Schalentieren, haben sie nicht Einzug gehalten auf unserem Speiseplan, anders als in anderen Kulturen (Japan, Nigeria). Zudem gelten Insekten als eiweißreich und fettarm, und es sind fast 1500 verschiedene eßbare Insektenarten bekannt. Insekten waren meist die Nahrung der Armen und Besitzlosen. Die Mehrzahl der Völker teilt unsere Abneigung gegenüber Insekten nicht. Als Problem wird häufig der Chitinpanzer gesehen, als Lösung essen viele Insekten im Larven- oder Raupenstadium. Als Argument wird häufig genannt, daß Insekten "unrein" und "dreckig" sind, sowie Krankheiten übertragen - in Exkremente suhlende Schweine, Trichinen, MKS, BSE sind Beispiele für Krankheiten, die unsere Tiere befallen können. Fazit: Die Ablehnung, Insekten zu essen, ist nicht auf die o.g. Argumente zurückzuführen.
1.2 Alternativer Lösungsvorschlag
Theorie der optimalen Futtersuche: Menschen (in der Jäger- und Sammlerzeit) essen nur diejenigen Tier- und Pflanzenarten, die das bestmögliche Verhältnis zwischen Kalorienausbeute und für die Futtersuche aufgewendete Zeit garantieren. Nahrungsmittel, die zu einer Verringerung der Gesamtausbeute an Kalorien führen, werden vom optimalen Speiseplan herausgenommen. In diesem Zusammenhang wird deutlich, warum es für Mitteleuropäer früher uninteressant war, Insekten zu essen. Zudem sind die in Europa vorkommende Insektenarten sehr klein im Vergleich zu den Kreaturen, die man in tropischen Gebieten findet.
Fazit: Ökologische und ökonomische Gründe sprechen für ein Insektentabu
2. Das Rindfleischtabu in Indien
Die heiligen Kühe in Indien sind wohl das bekannteste und für uns auch sehr merkwürdiges Nahrungstabu. Sie werden vergöttert und angebetet: Um von einem Dämon zu einer Kuh zu werden, muß man 86 Reinkarnationen durchlaufen, wer eine Kuh tötet, stürzt auf die erste Stufe zurück. In einer Kuh vermutet man 330 Millionen Götter. Aber die Ablehnung von Rindersteaks und co. ist nicht mit dem Hinduismus zu erklären, es ist vielmehr das Rätsel .
2.1. Die Geschichte des Hinduismus
In den ältesten hinduistischen Texten werden die Götter und Bräuche der Weda (ca. 1800-800 v.Chr.), einer Rinder züchtenden und Ackerbau treibenden Volkes verherrlicht. Das Verspeisen von Rindern war Alltag, wurde in großen öffentlichen Opferritualen zelebriert. Durch Bevölkerungswachstum wurden die Rinder zu Nahrungskonkurrenten der Menschen: nur noch die Reichen konnten sich Rindfleisch leisten, während die unteren Kasten unter einer Nahrungsverknappung litten. Dadurch wurde die Verbreitung des Buddhismus unter den Armen Vorschub geleistet, weil er das Töten von Tieren verbot. 900 Jahre lang kämpften Buddhismus und Hinduismus um die Vorherrschaft in Indien, und erst nachdem die Brahmanen sich von der Tieropferfixierung gelöst, das Tiertötungsprinzip übernommen und sich selbst als Beschützer des Rindes statt als seine Vernichter etabliert hatten, etablierte sich der Hinduismus auf dem indischen Subkontinent.
Außerdem entschieden sie sich damit für eine andere Landwirtschaftsform: Rinder sind ideale Tiere für den Ackerbau, und auch heute noch in Indien unverzichtbar, sie liefern Dünger und Heizmaterial: es schützt den Kleinbauern vor Bankrott und Landverlust. Trotzdem werden überschüssige Rinder auch an Muslime verkauft.
Nach Ansicht vieler Wissenschaftler ist das angeblich irrationale Rindfleischtabu eine Argumentation von Leuten aus den westlichen Industrieländern, die daran gewöhnt sind, daß Rindvieh für Fleisch und Milch da ist und das Pflügen mit dem Acker mit dem Traktor bewerkstelligt wird.
Fazit: Das Rindertabu kann durch ökonomische und politische Faktoren erklärt werden.
3. Das gemiedene Schwein
Im Islam und Judentum ist das Schwein mit einem Esstabu belegt. Auf den ersten Blick unverständlich, da das Schwein von allen domestizierten Säugetieren über die größte Fähigkeit verfügt, Nahrung in Fleisch umzuwandeln. In den Religionen wird häufig das Schwein als "unrein" bezeichnet, während unsereins sich womöglich schon wieder auf das nächste Schweinesteak an einem lauen Sommerabend freut. Oft wird angeführt, dass Schweine sich in Dreck und Fäkalien suhlen und deswegen unrein sind; Hühner und Ziegen allerdings, die im Islam wie im Judentum erlaubt sind, verspeisen ebenso gerne Kot, wenn sie die Gelegenheit dazu haben.
Vielmehr wird häufig die These angeführt, daß Schweinehaltung im Vorderen Orient und auf der Arabischen Halbinsel schlecht möglich sei. Schweine benötigen Schatten, Wasser und wurden früher in Wäldern gehalten. In vorchristlicher Zeit gab es im Vorderen Orient noch viele Wälder, und auch Schweinezucht war verbreitet, aber durch Bevölkerungswachstum wurden viele Wälder gerodet, und an ihrer Stelle beispielsweise Olivenbäume gepflanzt; zudem konnten die anderen Bestandteile des Schweins nicht genutzt werden (Fell etc.) und es war ein Nahrungskonkurrent des Menschen.
Wie das Rindertabu im Hinduismus gezeigt hat, gewinnen Religionen an Stärke, wenn sie den Menschen Hilfestellung bei Entscheidungen zeigen, die im Einklang mit existierenden Verhaltensweisen stehen. Aus dieser Sicht ist es nicht verwunderlich, daß der Islam am meisten Verbreitung dort fand, wo die Bewohner ihre Lebensweise nicht grundlegend ändern mussten, und findet die Grenze seiner Verbreitung in Gegenden, die sich gut zur Schweinezucht eignen (Malaysia, Indonesien, Schwarzafrika, China).
Gesamtfazit
Viele Nahrungstabus können durch politische, ökologische und ökonomische Faktoren wie die Theorie der optimalen Futtersuche erklärt werden und haben sich über lange Zeit entwickelt und eingebürgert. Daraus ergeben sich Abneigungen zu bestimmten Nahrungsmittel, die, wenn sie Bestandteil einer Religion wurden, auch im Falle des Ortswechsel (Jüdische Diaspora, Türken in Deutschland) erhalten bleiben. Viele Parameter sind aber auf Grund der für unsere Gesellschaft typischen Überversorgung an Lebensmittel nicht mehr relevant.
Literatur
Harris, Marvin (1991): Wohlgeschmack und Widerwillen, Stuttgart: Klett-Cotta
Paczensky Gert von, Dünnebier Anna (1994): Kulturgeschichte des Essens und Trinkens, München: Albrecht Knaus Verlag
Schuller Alexander, Kleber Jutta Anna (Hrsg.) (1994): Verschlemmte Welt, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
Für Genießer
www.bugfood.com - alles rund ums Insekt, mit vielen Rezepten
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