Die heftigen Krawalle in vielen Städten Griechenlands haben viele überrascht. Auch aus diesem Grund haben sich viele bei mir gemeldet, um mehr zu erfahren über die Gründe. Voilà:
Also, was ist passiert? Ein 15jähriger Jugendlicher ist nach einer Auseinandersetzung mit der Polizei im Stadtteil Exarchia gestorben. Getroffen von einer Kugel aus dem Lauf der Pistole eines Polizisten – ob absichtlich oder nicht, ist bisher nicht geklärt. Seitdem toben in fast allen griechischen Städten schwere Unruhen.
Exarchia ist das Kreuzberg 36 Athens. Ein sympathischer Stadtteil mit vielen netten Kneipen und Tavernen. Das letzte Mal war ich diesen März dort. Es ist auch die Hochburg der extremen Linken.
Die Jugendlichen in Griechenland fühlen sich seit Jahren benachteiligt. Die Schulen und Universitäten sind schlecht ausgestattet, jedes Jahr gibt es deswegen Demonstrationen, ohne dass sich substantiell etwas ändert. Schlimmer noch: Viele finden keine Arbeit – dabei träumen die meisten von einer Karriere im Staatsdienst. Diese Jobs sind jedoch von den Älteren besetzt, und da die Jobs beim Staat oftmals nach der Qualität der Beziehungen denn der persönlichen Eignung vergeben werden, ist diese Tür für viele versperrt. Zudem arbeiten bei den Staatsbetrieben ohnehin viel mehr Menschen als es Arbeit gibt – sie sind immer noch Versorgungsämter für Freunde und Verwandte der Regierungsparteien. Allerdings gibt es auch viele junge Menschen, die manche Jobs nicht mehr haben wollen. Es gibt aber seit jeher einen harten Kern Autonomer, die auch vor Gewalt nicht zurückschrecken. Dazu kommen auch andere eher unpolitische junge Menschen. Als ich vor vier Jahren ein Spiel von PAOK Saloniki besuchte, gab es dort nicht einen Fan der gegnerischen Mannschaft. Die kamen nicht, weil sie Angst vor den PAOK Fans hatten.
Die Polizei hat einen schlechten Ruf. Ihr hängt immer noch die Juntazeit bis 1974 hinterher, und in den letzten Jahren gab es viele Berichte über die schlechte Behandlung von Migranten ohne Papiere. Allerdings ist die Polizei auch schlecht ausgebildet. Und es gab ein Zögern, bei den ersten Krawallen entschieden zu agieren – man wollte nicht dem schlechten Ansehen neue Nahrung geben.
In der griechischen Gesellschaft haben viele nicht profitiert vom Aufschwung der letzten Jahre. Viele sind verbittert über die Unfähigkeit der Politiker und Wirtschaftskapitäne, mit Korruption und Vetternwirtschaft aufzuräumen. Sogar die griechisch-orthodoxe Kirche hat einige Skandale hinter sich. Darüber hinaus funktioniert die Selbstbedienungsmentalität der Griechen angesichts leerer Sozialkassen nicht mehr. Es ist also auch eine gesellschaftliche Krise, die die jungen Menschen als Verlierer da stehen lässt.
Die Randalierer in den Städten sind aber nur zum Teil politisch; ähnlich des 1.Mai in Berlin mischen sich viele Erlebnisrandalierer darunter. Die Zerstörung vieler Geschäfte jedenfalls trifft gerade die kleinen Händler und Ladeninhaber schwer. Sie stehen vor dem persönlichen Ruin. Und rund ein Drittel der Griechen sind Selbständige.
Fazit: Die Gründe sind – wie so oft – vielschichtiger, als man oft denkt. Die alte gesellschaftliche Selbstbedienungsmentalität funktioniert nicht mehr. Die Kassen sind leer. Die politischen und wirtschaftlichen Eliten sind desavouiert. Die Jungen erleben sich als Verlierer in diesem Spiel. Der Tod des Jugendlichen war nur der Auslöser für diese Gewaltexzesse. In Griechenland gibt es einiges mehr aufzuräumen, als kaputte Schaufensterscheiben.
Jedes Jahr schreibt mein Lieblings-Stadtmagazin Lift ein Extraheft „Stuttgart geht aus“. Darin finden sich dann alle empfehlenswerte Ort für Essen, Trinken, Tanzen und sonstigem Müßiggang. Für die Ausgabe 2009, die es seit kurzem zu kaufen gibt, wurde ich auch angefragt. Meine Tipps: Das Cafe Königsbau am Schlossplatz – ein herrliches Oma-Kaffee. Die Weinstube Moiakäfer in Fellbach – tolles Essen und herzliche Bedienung. Die alternative Röhre – seit vielen Jahren mein Klassiker. Leider wurde mein Backnanger Insidertipp gestrichen, vielleicht ist es einfach zu weit weg vom Nesenbach. Es handelt sich um die Disco Life, die letzte im Backnager Stadtzentrum. Schade, ich hatte mir extra viel Mühe gegeben beim texten: „Alte Gastarbeiterzeiten leben jeden ersten Sonntag in der Disco Life in Backnang hoch. Wirt Vassili schmeisst dann den Grill an, und zu Live-Bouzouki und Souvlaki wird getanzt bis die Socken qualmen. Ooopa!“
Und wer es nicht glauben will: Bitte bei mir melden. Nette Menschen weihe ich gerne in die Feinheiten des griechischen Adlertanzes ein.
Da hat sie nun den Salat, die CDU. Weil der Parteitag in Stuttgart nichts Konkretes zur Zukunft der Finanzmärkte noch ein schlüssiges Wirtschaftskonzept beschlossen hat, stürzen sich die Medien auf den Beschluss, Deutsch als Amtssprache ins Grundgesetz zu schreiben. Das ist zwar nur reine Symbolpolitik, aber sicherlich Wasser auf die Mühlen einiger Menschen. Beispielsweise solchen, die uns vor einer Weile beschimpft hatten, weil wir untereinander als Zuschauer eines Fussballspiels des Großen Alexander Backnang (gegründet 1962 von griechischen Gastarbeitern) griechisch geredet hatten.
Nun gut, aber was ist dann mit englischsprachigen Unikursen? Abschaffen? Absurd.
Jedem sollte klar sein, dass gute Deutschkenntnisse das A und O für ein erfolgreiches Leben hier die Grundlage ist. Aber alles überdrehte Deutsch-Gehudel nervt nur.
Indes, als ich aufs Gymnasium wechselte verstand ich einige Mitschüler nicht. Das lag aber weniger an meinen Deutschkenntnissen, sondern an deren doch sehr ausgeprägtem Dorfschwäbisch. Analog zum CDU-Antrag wäre das wohl auch nicht mehr akzeptabel – und zeigt die Absurdität solche einer Regelung. Schließlich lässt sich vieles nur auf schwäbisch adäquat ausdrücken, gell!
Diesen Sommer tauchten in dem kleinen Städtchen Murrhardt auf dem Wochenmarkt kleine, mit Fragezeichen bedruckte Papierschnippsel auf. Ratlosigkeit machte sich breit – wer mag dahinter stecken?
Kurze Zeit später sah man wiederum Fragezeichen, mit Kreide auf Häuser geschrieben. Manche waren beunruhigt ob dieser Aktion – was und wer mag dahinterstecken?
Schließlich outeten sich eine Gruppe junger Menschen, die mit dieser Aktion die Mitmenschen zum Nachdenken auffordern wollten: Über die globale Ungerechtigkeit, und dass Änderungen im Kleinen beginnen, beispielsweise wo man welche Produkte einkauft.
Die Leserbriefspalte der Lokalzeitung füllte sicht mit Inhalt, mancher beschwerte sich über diese Art der politischen Äußerung. Die Papierschnippsel seien ja Verschmutzung, da gehöre gehandelt – mit Bußgeldern für die Verursacher. Die schwäbische Kehrwoche macht eben nicht vor dem Marktplatz halt. Es drohten 600 Euro Putzgebühr – noch bevor diese Forderung real wurde, sammelten die Schülerinnen und Schüle des örtlichen Gymnasiums das Geld.
Nun gab es eine Abschlussdiskussion über diese Aktion. Die anwesenden Lokalpolitiker umwarben die Jugendlichen für die Gemeinderatswahl – ob das wohl der richtige Handlungsebene ist? Ich habe da starke Zweifel. Ich habe angeboten, für eine Diskussion vorbei zu kommen und auch zu helfen bei der Suche nach interessanten Referenten. Es ist nämlich gar nicht so einfach, jemand in so beschauliche Orte wie Murrhardt oder Fornsbach zu locken.
Für mich war das alles eine gelungene Aktion, Politik in den öffentlichen Raum zu transportieren. Die ganze Kleinstadt disktutierte über die Fragezeichen – und viele dann auch über die Fragestellungen, welche die jungen Menschen aufgworfen hatten.